Winter in Kanada – Halbzeit für uns

Während bei euch schon alles anfängt zu grünen und zu blühen und ihr dem Frühling entgegenfiebert, sind wir noch mitten drin im kanadischen Winter. Der geht hier nämlich locker bis April. Die Temperaturen überschreiten seit etwa seit Mitte November nur noch selten die 0° C Marke. Meist liegen die Temperaturen so zwischen -15°C und -2°C, manchmal unterscheiten wir nachts auch die -20°C Marke. Geschneit hat es seit Ende Oktober zwar schon öfter, aber so richtig viel (je etwa 50cm in 24 Stunden) erst 3 mal. Dafür bleibt der Schnee hier einfach wochenlang liegen. Und selbst wenn es zwischendrin mal ein paar Tage taut, verschwindet er nie ganz. Uns wurde übrigens gesagt, dass dieser Winter eher ungewöhnlich mild und schneearm ist. Für uns ist es ein Winter wie im Bilderbuch, wenn man ihn mit den milden, regenreichen Wintern in Karlsruhe vergleicht.

Die Kanadier sind auf den vielen Schnee übrigens bestens eingestellt. Privathaushalte rüsten sich mit Zelten vor den Garagen und Hauseingängen schon im Herbst vor den Schneemassen. Das haben wir ab Oktober mit Staunen beobachtet. Seit wir unser Auto nun schon selbst oft ausgraben mussten und zwei mal gar nicht weg kamen, wissen wir warum. Am Straßenrand parken ist bei Schneefall übrigens auch eher keine gute Idee. Der Schnee wird nämlich in Phase 1 der Schneeräumung nur zu großen Haufen auf die Seite geschoben. Erst in Phase 2, ein paar Tage später, wird dieser dann mit Schneefräsen und ganzen Kolonnen von riesigen LKW zu Schneehalden gebracht. Zu diesem Zweck werden dann Halteverbotsschilder aufgestellt und man muss sein Auto eh wegfahren. Vorausgesetzt man kommt noch weg. Busausfälle oder Verkehrschaos haben wir hier auch nach sehr starkem Schneefall jedenfalls noch nie erlebt.

Schwierig finden wir nur Tauwetter. Dann wird es hier nämlich unglaublich matschig und durch den vielen Schnee am Straßenrand sind die Gullis verstopft und das Wasser läuft kaum ab. Trockenen Fußes über die Straße zu kommen ist dann fast unmöglich. Meist hält das Tauwetter auch nur zwei Tage an und dann wird es wieder richtig kalt und das ganze Wasser gefriert zu einer dicken Eisschicht. Heute war es z. B. wirklich richtig frühlingshaft warm mit 16°C und Sonne, ab morgen Abend soll es dann aber wieder unter -12°C werden. Solche Temperatursprünge sind wohl typisch für den Frühling hier.

Wir lieben den Winter hier sehr, und die vergleichsweise niedrigen Temperaturen machen uns tatsächlich erstaunlich wenig aus. Kleidungstechnisch haben wir ein wenig aufgerüstet. Wir besitzen jetzt alle richtig warme Winterschuhe und Fausthandschuhe, den Rest hatten wir zum Großteil aber schon, bzw. musste eh neu angeschafft werden, weil rausgewachsen. Ansonsten haben wir uns an die Temperaturen sehr schnell gewöhnt, und sobald das Thermometer über die 0°C Marke klettert, haben wir das Gefühl von Frühling und die Kinder fragen, ob sie überhaupt eine Jacke brauchen. Abgesehen von den Temperaturen ist der Winter hier aber sehr sonnig. Es gibt viel mehr Sonnentage als im deutschen Winter, die sind zwar meist besonders kalt, entschädigen aber mit strahlend blauem Himmel.

So kann man viele der hier gebotenen Freizeitmöglichkeiten nutzen. In fast jedem Park gibt es kleine und große Eisbahnen. Fußballfelder werden nach dem ersten Schnee zu Hockeyfeldern, und Wiesen zu Schlittschuhbahnen. Dazu wird der Schnee von der Stadt platt gewalzt und mit Wasser besprüht. Bei monatelangem Dauerfrost ergibt das tolle Schlittschuhbahnen. In vielen Parks kann man dazu kostenlos Schlittschuhe, Hockeyschläger und anderes Equipment ausleihen.

Auch die Schlittenhügel werden hier von der Stadt gepflegt und 2 mal pro Woche mit einer Pistenraupe gewalzt. Solche Schlittenhügel gibt es in vielen öffentlichen Parks in jedem Stadtteil. Sie wurden extra für diesen Zweck angelegt und der in unserem Park hat sogar Flutlicht. Wer keinen Schlitten hat, kann sich in der selben Hütte, wo es auch die Schlittschuhe gibt, Snowtubes ausleihen (kostenlos). Um Weihnachten rum hatten wir eine ungewöhnlich warme Phase und der Schnee von Anfang Dezember war fast weggeschmolzen. Die Stadt hat dann die Schlittenhügel mit Schnee aus den Schneehalden (später im Text gehen wir darauf noch näher ein) bestückt, damit die Kinder in ihren Ferien trotzdem Spaß hatten. In den Bergen gibt es auch richtige Snowtubing – Parks, die kosten natürlich Eintritt, aber bringen auch eine Menge Spaß. Clara hatte neulich einen Schulausflug in einen solchen Park und war begeistert.

In den großen Parks der Stadt gibt es bei entsprechenden Schneeverhältnissen ein gut gespurtes Loipennetz. Weil einer dieser Parks nur 150m von unserer Wohnung entfernt liegt und wir Langlauf schon immer mal ausprobieren wollten, haben wir uns für die ganze Saison Langlaufski geliehen und wir sind begeistert. (Fast) die ganze Familie nutzt die Gelegenheit und schnallt sich mehrmals die Woche die Langlaufski an, um im botanischen Garten eine Große Runde zu drehen. Das ist etwas von den Dingen, die uns in Deutschland sicher sehr fehlen werden.

An den Wochenenden machen wir nach wie vor viele Ausflüge in die Umgebung. Besondere Highlights in diesem Winter waren dabei der Nachtskilauf in St. Bruno, unsere Schneeschuhwanderung durch ein wahres Winterwunderland in den Laurentides, und das Schlittschuhlaufen auf 15km zusammenhängenden Eiswegen bei Trois – Rivieres am letzten Wochenende. Schneeschuhlaufen hat Clara übrigens, neben Schlittschuhlaufen und Schlittenfahren (auch auf dem Schulhof gibt es einen extra dafür angelegten Hügel) auch schon im Sportunterricht in der Schule gemacht. Ihr Sportlehrer meinte, das gehört zur Quebecer Kultur und sollte man mal gemacht haben. Die Schule hat jedenfalls ganze Klassensätze an Schneeschuhen, Schlitten und Schlittschuhen. Falls ihr euch fragt was Clara auf dem Foto unten ist; das ist ebenfalls eine quebecer Winterspezialität: Maple Taffy. Dazu wird Ahornsirup caramellartig eingekocht und in einem Streifen über festen Schnee gegossen. Dann bekommt man einen Holzspatel und kann das ganze zu einem Lutscher aufrollen. Diese süße Leckerei findet man hier während der Wintermonate wirklich überall, sogar direkt an der Schlittschuhbahn ;).

Spielt das Wetter mal nicht so mit, verbringen wir am Wochenende auch gerne Zeit in einem der zahlreichen Museen. An jedem ersten Sonntag im Monat ist der Eintritt in sehr viele Museen sogar frei. In den letzten Wochen haben wir so die Biosphäre und das Museum of fine Arts besucht.

Anfang Februar konnten wir in Chinatown das chinesische Neujahrsfest mit einem Festumzug miterleben. Das war sehr spannend und die Stimmung ein bisschen wie beim Rosenmontagszug.

Der Winter hier in Kanada bedeutet gleichzeitig auch Halbzeit für uns. Ab jetzt ist die Zeit, die wir schon hier verbracht haben, länger als die Zeit, die wir noch hier bleiben dürfen. So sehr wir die Zeit hier genießen, so sehr freuen wir uns auch immer mehr auf zu Hause. Auf unser Haus, den Garten, die Lebensmittel, den Alltag. Aber vor allem auch auf die Menschen, die uns am Herzen liegen. Wir verstehen uns als Familie sehr gut und genießen es, so viel zusammen zu unternehmen. In Deutschland könnten wir das so sicher nicht, da wären zu viele Hobbys, Termine, Freunde und Dinge, die dringend erledigt werden müssen. Es ist ein großes Geschenk, so viel Zeit mit unseren Kindern zu verbringen und so wenig Verpflichtungen zu haben und gleichzeitig so viele Abenteuer erleben zu können. Trotzdem fällt es uns manchmal schwer, manches nicht teilen zu können. Auch wenn wir hier viel erleben, verpassen wir natürlich manches in der Heimat. Das war uns natürlich bewusst. Manchmal kommt einem aber so vor, als passiert in diesem Jahr besonders viel. In unseren beiden Familien werden/bzw. wurden dieses Jahr Kinder geboren, bisher waren unsere Kinder in beiden Familien die einzigen. Wir freune uns darüber sehr, aber sind natürlich auch ein wenig traurig, die neuen Familienmitglieder nicht persönlich begrüßen zu können. Es werden runde Geburtstage in der engsten Familie gefeiert und im Kindergarten fand ein einmaliges Ehemaligenfest statt. Überall fehlen wir. Das schmerzt natürlich ab und zu und man würde sich gerne für ein paar Stunden nach Deutschland beamen. Manchmal kommt da die Frage auf: Ist es das wert?

Wir würden die Entscheidung, ins Ausland zu gehen immer so treffen. Der Zeitpunkt war auf jeden Fall der richtige und wir spüren jetzt schon, wie wir alle von dieser Erfahrung profitieren und es den Zusammenhalt in unserer Kernfamilie zwischen uns vieren stärkt.

Übrigens, so wie es im Augenblick aussieht, bekommen wir aus unterschiedlichen Gründen wohl keinen Besuch aus Deutschland mehr. Das finden wir total schade, auch wenn die meisten Gründe, der Familienmitglieder, die kommen wollten, nachvollziehbar sind. Wenn also irgendjemand, der das liest, Lust hat, uns zu besuchen: Wir würden uns sehr freuen, wenn wir noch jemandem unsere Heimat auf Zeit zeigen könnten und spielen gerne den Reiseführer!

Eine Antwort zu „Winter in Kanada – Halbzeit für uns”.

  1. Es ist sehr schön, dass wir das alles aus der Ferne miterleben dürfen !Danke !

    Sabine und Klaus

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