Mittlerweile ist unser Sommerurlaub schon über ein Monat her. Fast genauso lange wohnen wir in unserer endgültigen Wohnung in Montréal, und seit vier Wochen gehen die Kinder jetzt in die Schule. Wenn ich das so schreibe, hört sich das alles sehr kurz an. Anfühlen tut es sich aber schon erstaunlich vertraut: Unser neuer Alltag in Kanada.
Die Wohnung, die wir über AirBnB-Langzeitmiete gefunden haben, ist wohnlich, gemütlich und ausreichend groß – mit einem ergänzenden Einkauf bei Ikea haben wir inzwischen hier alles, was wir brauchen, um uns in dem Jahr wohlzufühlen. Nur mit dem Backofen mussten wir uns noch etwas anfreunden. Inzwischen wird das Brot, das wir darin selbst backen aber ganz gut, und wir haben auch endlich ein Geschäft gefunden, in dem man Roggenmehl kaufen kann. Das ist hier nämlich eine Rarität.

Der Stadtteil Rosemont liegt im Osten von Montréal und ist durchaus mit Beiertheim oder der Südweststadt vergleichbar. Bis zum Zentrum braucht man mit den öffentlichen Verkehrsmitteln etwa 30 – 35 Minuten, mit dem Auto zum Teil deutlich länger. Von hier aus hat man den Olympiaturm immer im Blick, und zum Botanischen Garten und zum Olympiapark ist es nur ein Katzensprung. In der Rue Masson und dem Stadtteil gibt es alles, was man für den täglichen Bedarf braucht.
Wir fühlen uns hier wohl und wollen mit euch ein paar Dinge, die uns bei dem LEBEN IN MONTRÉAL auffallen teilen.
L wie Lernen: Auch wenn sich hier so vieles schon so vertraut anfühlt, lernen wir hier täglich so viel neues. Die Kinder natürlich hauptsächlich in der Schule. Das ist so ein umfangreiches Thema, dass es dazu bald einen eigenen Beitrag über das kanadische Schulsystem geben wird, nur soviel sei schonmal gesagt, wir haben bisher alle ein richtig gutes Gefühl bei den Schulen der Kinder. Sabine wird bald endlich einen Sprachkurs besuchen können, um ihr Englisch weiter auszubauen, nachdem der erste kurzfristig gecancelled wurde

E wie Englisch: Wenn man in Quebec wohnt, merkt man schnell, dass Englisch hier nur eine Fremdsprache ist. Selbst in einer so internationalen Stadt wie Montréal hört man im Alltag fast nur französich (die Quebecer legen noch mehr Wert auf den Erhalt der franz. Sprache als die Franzosen und so wird wirklich jedes Wort übersetzt Popcorn heißt hier z. B. Mais Soufflés). Wer jetzt denkt, das müsste Dominik und mir doch eigentlich entgegen kommen, da es unsere erste Fremdsprache war, der irrt sich. Der Quebecer Dialekt ist selbst für Dominik teilweise nicht zu verstehen. Zum Glück schalten die meisten dann doch auf Englisch um, wenn sie merken, dass das gesagte nicht verstanden wurde.
B wie Bunt: Montréal ist bunt. Und zwar sowohl im wörtlichen als auch im übertragenen Sinn. Montréal bietet so ein großes Füllhorn an unterschiedlichen Nationen, Kulturen und Baustilen, dass es an jeder Ecke was zu entdecken gibt. Die Stadt ist außerdem bekannt für ihre Fasadenmalerei, die es in wirklich jeder Straße zu bestaunen gibt.


E wie Essen: Die große kulturelle Vielfalt spiegelt sich natürlich auch am Essensangebot wieder. Man kann hier wirklich gut essen gehen und es gibt ein breites Angebot an Restaurants abseits der üblichen Fast-Food-Ketten.
N wie Natur: Montréal ist eine unglaublich grüne Stadt. Fast alle Straßen sind von Bäumen gesäumt und an jeder Straßenecke gibt es von der Stadt gepflegte Blumenbeete. Außerdem hat jedes Stadtviertel unterschiedliche Parks zu bieten, die meist wunderschön und naturnah angelegt sind.

I wie Inklusion: Schon bei unserer Reise durch Kanada haben die Kinder festgestellt: „Hier wird immer an alle gedacht! Überall gibt es Rampen, Behinderten-WC`s, Blindenschrift und andere Hilfsmittel, damit sich jeder zurecht findet.“ Diesen Eindruck können wir so nur bestätigen. Auch in den Schulen wird Inklusion ganz selbstverständlich gelebt. Claras Schule ist da ähnlich aufgestellt wie die Beiertheimer Grundschule, und in jeder Klasse gibt es Kinder mit besonderen Bedürfnissen. Der Unterschied ist jedoch, dass es viel mehr Personal gibt und die Klassen wesentlich kleiner sind.
N wie Nahverkehr: Der Nahverkehr in Montréal ist OK. Allerdings sind wir, was das angeht, von Karlsruhe auch recht verwöhnt. Es gibt aber recht viele Buslinien und vier U-Bahn Linien, mit denen man meist schneller zum Ziel kommt als mit dem Auto. Dominik und Sophie nutzen die Öffis fast täglich, um zur Schule bzw. zur Arbeit zu kommen, und hatten noch nie Probleme.
M wie Modern: Montréal hat alles zu bieten, was man sich so vorstellt, wenn man an eine nordamerikanische Großstadt denkt. Moderne Hochhausviertel, Einkaufscentren, Geschäftsstraßen, Parks, ein Eishockystadion, eine Footballmannschaft… aber das spannende an Montréal ist, dass es eben auch noch eine wunderschöne Altstadt gibt, die den Charm einer französischen oder britischen Hafenstadt aus dem 18. Jahrhundert versprüht. Auch viele der Stadtviertel, die sich um die City herum verteilen, sind über Jahrhunderte gewachsen, und jedes hat sein ganz eigenes Flair.
O wie Organisation: In diesen ersten zwei Monaten in Kanada gab es für uns viel Organisatorisches zu erledigen. Das fing mit der Einreise an, ging über die nervenaufreibende Schulanmeldung bis hin zur Eröffnung eines Bankkontos und der Auseinandersetzung mit dem kanadischen Gesundheitswesen. Ich könnte die Liste hier noch weiter schreiben, was wir aber gelernt haben ist: Kanadische Bürokratie ist nicht weniger kompliziert als die Deutsche, und die Kanadier leben nach dem Motto, in der Ruhe liege die Kraft. Schnell geht hier nämlich nichts.
N wie nett: Statt nett könnte hier auch freundlich, höflich oder hilfsbereit stehen, das haben die Buchstaben aber leider nicht hergegeben. Die Kanadier sind nämlich all das. Hier ein paar Beispiele: An der Bushaltestelle steht man ganz geordnet in einer Reihe an, um einzusteigen. Sitzplätze werden nicht nur für ältere Leute freigegeben, sondern auch für Kinder (selbst für 10- jährige wie Clara), und nicht nur das, wir haben es jetzt schon mehrmals erlebt, dass dann sogar der Nachbar aufsteht, damit ein Elternteil neben dem Kind sitzen kann.
T wie Tolerant: Die Menschen, denen wir hier bis jetzt begegnet sind, sind alle sehr freundlich und aufgeschlossen. Da Kanada ein Einwanderungsland ist und es außer den First Nations und Inuit keine Ur-Kanadier gibt, hat fast jeder hier nicht-kanadische Vorfahren. Es ist ein buntes Miteinander, in dem die unterschiedlichen Kulturen sich gegenseitig bereichern. Jeder kann so sein wie er ist. So gibt es auch fast überall Unisex-Toiletten und Wickeltische auch auf Herrenklos. Kanada ist sehr bemüht darum, die unrühmliche Vergangenheit mit den indigenen Völkern aufzuarbeiten, und das Thema ist hier auch in den Grundschulen schon sehr präsent.
R wie Raus: An den Wochenenden versuchen wir, so viel wie möglich von Montréal und der Region um den St. Lorenz – Strom herum kennenzulernen. Daher heißt es für uns raus aus dem Haus. Da wir hier noch wenige Verpflichtungen haben, gelingt uns das bis jetzt sehr gut und es gibt einfach so viel zu entdecken und zu erleben, dass uns so schnell nicht langweilig wird.





E wie Einkaufen: Einkaufen kann man hier ganz unkompliziert. Die Supermärkte sind zum Teil sehr gut sortiert, bieten Fischtheken, Konditoreien und ein breites Angebot an Obst und Gemüse, internationalen Spezialitäten und Bio – Lebensmitteln. Die Märkte wie Metro oder IGA erinnern an EDEKA oder Rewe, es gibt aber natürlich auch die typisch amerikanischen Ketten wie Walmart. In den einzelnen Stadtvierteln gibt es auch noch viele kleine inhabergeführte Geschäfte. In unserer Straße gibte es u. a.: eine polnische Metzgerei, zwei tolle französische Bäckereien, sowie einen wirklich schönen Unverpacktladen. In Montréal gibt es außerdem einige tolle Märkte, deren Besuch sich sehr lohnt.

A wie Autofahren: Autofahren in Montréal ist kein besonderes Vergnügen. Montréal ist bekannt für seine schlechten Straßen und das ist leider kein Klischee. Es gibt unglaublich viele Einbahnstraßen und wer wo und wann parken darf, ist eine richtige Wissenschaft. Wenn man denkt, man hat gerade eine gute Strecke gefunden um von A nach B zu kommen, dann ist beim Nächsten mal eine der Straßen gesperrt. Zum Glück ist Montréal dafür aber umso fahrradfreundlicher, es gilt sogar als fahrradfreundlichste Stadt Nordamerikas. Es gibt ein wirklich gut ausgebautes Radwegenetz und überall kann man sich Bixi-Bikes leihen, das hat für uns den Kauf von Rädern überflüssig gemacht und wir nutzen die Räder wirklich oft und gerne (Clara hat inzwischen ein eigenes Rad).
L wie Liebenswert: Wie ihr bei unseren Ausführungen vielleicht gemerkt habt: Wir mögen die Stadt und das Land sehr und fühlen uns hier richtig wohl. Es ist großartig, dass wir so viel Zeit haben, diese facettenreiche, sichere, schöne, spannende, entspannte und einfach liebenswerte Stadt und das Land über so einen langen Zeitraum kennen zu lernen.

Auch wenn sich das alles jetzt so anhört, als wäre das Leben hier traumhaft unbeschwert, gibt es natürlich auch hier die ein oder andere Herausforderung. Denn das Leben als Familie im Ausland hält durchaus ein paar Hürden bereit. Bis jetzt konnten wir aber alle gut meistern und haben insgesamt eine wirklich tolle Zeit und diesen Schritt noch nicht bereut. Außer vielleicht ganz kurz, wenn ich im Supermarkt mit vollem Einkaufswagen stand und mal wieder keine der Bankkarten funktionierte, oder als einen Tag vor Schulbeginn die Absage von Sophies favorisierter Schule kam und wir plötzlich wieder eine neue suchen mussten, als Clara beschlossen hat, sie geht nicht mehr in die Schule, weil sie da eh nur die Hälfte versteht und ihr alles zu viel ist. Ja, das sind Momente, wo auch wir kurz ins Schwitzen kommen und uns ganz kurz fragen, ob dies die richtige Entscheidung war. Zum Glück ließ sich bis jetzt alles gut klären und nach kurzen aufregenden Zeiten herrscht hier meistens allgemeine Zufriedenheit.
Was wir immer wieder gefragt werden, ist, ob wir schon Kontakte knüpfen konnten. Dazu können wir nur mit jein antworten. Dominik hat natürlich Kontakte zu seinen Kollegen und war auch schon zum Grillen eingeladen und hat sich mit einigen zum Fußball getroffen. Die Kinder haben in der Schule Kontakte zu Mitschülern und da entwickeln sich erste Freundschaften. Hier in der Nachbarschaft ist es nicht so einfach. In unserem Haus gibt es z. B. nur Langzeit-AirBnB’s und außer uns nur Studenten, die für jeweils ein paar Wochen hier wohnen. Unser Ziel war es aber auch nicht, hier Freundschaften fürs Leben zu finden – wenn sich das ergibt, ist natürlich schön, aber es war nie unser oberstes Ziel. Denn die oben genannten Freundschaften haben wir bereits und pflegen den Kontakt, dank der modernen Medien, auch weiterhin. Was die Zeit hier ergibt, wird sich zeigen. Für uns ist es wichtig, eine gute Zeit als Familie zu haben. Klar fehlt ihr uns alle und ab und zu wäre es schöner, das ein oder andere gemeinsam zu erleben, aber da wir wissen, dass die Zeit hier sehr begrenzt ist, und wir Familie und Freunde bald wieder in unserer Nähe haben, können wir die Zeit hier zu viert durchaus genießen. Wir freuen uns aber sehr über Besuch ; ) !!!! Die ersten Flüge wurden schon gebucht und an Weihnachten werden wir zu sechst in den Bergen feiern!
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